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Als deutsche Titanic in die TV-Ewigkeit?

Der ZDF-Zweiteiler „Die Gustloff“ und der schwierige Umgang mit der Vergangenheit

von Frank Baring

Es ist Sonntagabend. Die ARD zeigt den obligatorischen Tatort. Auf RTL klopft sich der Zuschauer bei „In den Schuhen meiner Schwester“ auf die Schenkel und bei ProSieben rückt Scientologe John Travolta als Feuerwehrmann gegen die TV-Langeweile aus. Währenddessen geht beim ZDF ein Schiff auf seine letzte Reise. Montag wird es untergegangen sein. Ja, das ZDF meint es mal wieder gut mit der geschichtsinteressierten deutschen Fernsehvolksgemeinschaft. Am 02.03.2008 hat das ZDF in einer aufwendigen Produktion nicht nur den KDF-Dampfer „Wilhelm Gustloff“ versenkt, sondern auch ein neues Beispiel für den schwierigen Umgang mit der NS-Zeit abgeliefert.

Nach der Flucht vieler Deutscher aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches am Ende des Zweiten Weltkriegs in „Die Flucht“ oder der Zerstörung Dresdens durch den alliierten Bombenterror in „Dresden“ kommt nun mit der Versenkung der „Wilhelm Gustloff“ eine andere menschliche Katastrophe auf die Bildschirme, die jedoch genauso wenig voraussetzungslos war, wie das Bemühen des ZDF bzw. der Produzenten, Geschichte so umzuschreiben, dass die Quote stimmt. Die Last „der“ Geschichte hin oder her. Nun mag man Geschichte als etwas Feststehendes wahrnehmen. Eher trifft sicherlich das Nachdenken über vergangenes menschliches Handeln und Leiden zu. Doch die ZDF-Produktion scheint weder das eine noch das andere wirklich interessiert zu haben. Wichtiger erscheint dagegen die Dämonisierung des bösen Nazi und die Ausstellung multipler Persilscheine für die kollektive Unschuld einer ganzen Generation. 

Die Ausblendung eigener Sinnbildungen durch die Zuschauer nimmt das Machwerk allemal in Kauf. Zur besten Fernsehzeit geht nun die neu inszenierte Geschichte des KDF-Dampfers „Gustloff“ auf große Fahrt. Während sonst oftmals das ZDF-Traumschiff die Niederungen der urlaubenden Spätgeborenen in Traumfahrten an Traumstrände in Szene setzt, soll nun die „deutsche Titanic“ eindringlich, mitfühlend und schonungslos dem Fernsehvolk nahe gebracht werden. Genauso schonungslos wie die Bilder der Flüchtlinge aus Ostpreußen der Endzeit des 2. Weltkriegs dargestellt werden sollen, geht die ZDF-Produktion aber auch mit historischen Tatsachen um. Da werden die Gustloff-Flüchtlinge zum Synonym für die deutschen Opfer Hitlers stilisiert, Leute die nie mitgemacht haben könnten, die von Nazi-Schergen im Endzeit-Ostpreußen auf einen KDF-Seelenverkäufer gejagt wurden, um schließlich mit einem Höchstmaß an künstlerischer Geschichtsklitterung ein Mindestmaß an öffentlich-rechtlicher Unterhaltung zu erreichen. Doch das ZDF dampft routiniert in das Unausweichliche. Scheinbar werden alle Stereotypen besetzt: Die personifizierte Unschuld des Kapitäns der Gustloff, dessen Bruder, der U-Bootheld – dargestellt durch Heiner Lauterbach samt Lindenstrasse-Zorro als Adjutant – scheinbar führertreu seine Spitzel überall hat, die dumpfen Nazi-Klakeure, Ortsgruppenleiter bis hin zur durch Ulrike Kriener gespielten Hitlers Marinehelferlein.

Wäre da nicht der Held, der von Kai Wiesinger dargestellte Kapitän der Gustloff, der scheinbar alles im Griff hat: Böse Nazis, 9000 Opfer und eine Love Story des entrückten Geschmacks der Produzenten. Operation gelungen: Schiff versenkt, Glaubwürdigkeit verloren, Geschichte ausgeblendet, historische Legende erzählt. Eben: Märchenstunde im ZDF. Irgendwas wird schon hängen bleiben. Man muss ja nicht nachdenken. Das nimmt einem aber leider noch nicht einmal „Die Gustloff“ ab. Frei von jedweder Vorgeschichte dampft die „Wilhelm Gustloff“ in den Untergang. Dass parallel dazu die verbliebenen Juden in die eisige Ostsee getrieben wurde, bleibt ausgeblendet. Auch die Flüchtlinge bleiben Kulisse für Charakterspielchen der Protagonisten. Die Stimmen der Zeitzeugen wurden erst in der Dokumentation am Sonntagabend gehört. Auch die Schutzbehauptung der Kriegsmarine (selbst nach dem Krieg), man wollte viele Menschen retten, wurde nicht thematisiert. Hier soll Geschichte einfach nur umgeschrieben werden. Welches Motiv mag schon schwerer wiegen? Unterhalten, egal um welchen Preis, oder die Geschichte einer menschlichen Katastrophe so zu erzählen, wie es gewesen sein könnte, wie es Zeitzeugen nahelegen. Mit einer peinlichen Liebesgeschichte unterfüttert dampft die Gustloff nun mit ihren ca. 9000 Nebendarstellern vor die Rohre eines sowjetischen U-Bootes und geht unter. 

Die Botschaft lautet: Viele Opfer der Nazis sterben. So schlicht und einfach kann Geschichte sein. Die menschlichen Schicksale verblassen vor der vordergründigen Inszenierung. Interessante Charaktere, deren Fluchtgeschichte(n) man verstehen könnte, oder sich in die Figuren einfühlen könnte, nichts wird genutzt. Und dabei gibt es viele Fluchtgeschichten, die man hätte erzählen könnte. Aber die Fiktion der Hauptfiguren und die teilweise Ausblendung der Hintergrundgeschichte waren der ZDF-Produktion wichtiger als Geschichte. Spätestens bei der dramatischen Geburt eines Babys im Rettungsboot vor dem Hintergrund der sinkenden Gustloff holt der Film auch die letzte Zuschauerin ein. Die Vilsmeier Produktion enttäuscht auf breiter Linie. Die Opfer dieser Geschichtsfälschungsversuche können sich nicht mehr wehren. Die Fernsehzuschauer schon. Einfach abschalten ist naheliegend.

 

Wer den Zweiteiler „Die Gustloff“ nicht im TV gesehen hat, wird ab dem 10.03.2008 die DVD kaufen können. Wiederholungen sollen im öffentlich-rechtlichen Gebührenfernsehen durchaus möglich sein, Gedenktage sind hierfür sicherlich prädestiniert. Der vergleichende Blick auf eine alte Verfilmung des Gustloff „Nacht fiel über Gotenhafen“ aus dem Jahre 1959 fällt nicht wesentlich besser aus. „Die Gustloff“ ist letztlich ein Film, der sich weder entscheiden kann noch will, was er denn letztlich sein will. Er erscheint als Kriegs-, Katastrophen-, Liebes-, Spionage- und Opferfilm genauso wenig überzeugend wie in der Darstellung der historische Eriegnisse. So vielfältig kann schnulzig-historisch-schlampige TV-Unterhaltung sein. Gut zu wissen, dass unsere Film-Helden fast alle überleben. Their heart will go on!