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Kirk, Spock & Co. im 50. Jubiläumsjahr auf der Leinwand

Star Trek: Beyond – Nur unterhaltsames Popcorn-Kino in einer neuen Zeitlinie? 

von Frank Baring

Die Zahl 13 soll bekanntlich Unglück bringen. Für den insgesamt 13. Kinofilm, gilt gewiss eine neue Zeitrechnung. Dies liegt sicherlich nicht nur an der neuen Kelvin-Zeitlinie, die 2011 mit dem schlicht „Star Trek“ benannten Film begründet wurde. Mit dem Reboot der klassischen Star Trek Geschichte, der Einführung neuer Charaktere und einer zeitgemäßen Neuinszenierung und -besetzung der tragenden Rollen erfolgte auch eine Abkehr von der klassischen Zählung der Filme. Als 2011 der Reboot auf die Leinwand gebracht wurde, erfuhr Star Trek nicht nur eine neue Optik für die Classics, auch eine tief greifende Neuorientierung durch eine bemüht actionreiche Inszenierung, einen verstärkten Dialogwitz und eine zunehmend am Episodischen ausgerichtete Narration. Während 2011 Star Trek runderneuert in die Kinos kam, wollte Paramount das Kino-Franchise gewissermaßen neu am Markt etablieren. So erzählte der folgende Film „Star Trek: Into Darkness“ den Konflikt zwischen Captain Kirk und dem vielleicht präsentesten Bösewicht im Star Trek Universum – Khan – neu. „Star Trek: Into Darkness“ war gewiss großes Kino, beruhte aber eben auch nicht durchweg auf einer originären Geschichte bzw. der Figur Khan. Hier setzte nun Star Trek: Beyond im 50. Jubiläumsjahr an.

Im 50. Jubiläumsjahr lief im Vorfeld nicht alles rund bei Paramount. Die Werbung für den Film war ein mittleres Desaster. Schnitt und Wirkung des ersten Trailers Anfang 2016 zeigten ein diffuses Bild des kommenden Kinofilms und auch ohne Spoiler kam man nicht aus. Ähnlich wie in „Terminator: Genesys“ wurde gezeigt, dass die Enterprise zerstört wurde und im Fandom wurde eine prägnante Szene, in dem Captain Kirk auf einem Motorrad gezeigt wurde, ebenso stark kritisiert. Seltsam verstellt erschienen die Szenen aus dem Film, wodurch beim Betrachter weniger Vorfreude auf den Film geweckt wurde, stattdessen wurde ein Action-Feuerwerk inszeniert, welches eher auf einen neuen „Fast and the Furious“-Film von Regisseur Justin Lin aufmerksam machen könnte. Auch wunderte ich mich über den Zeitpunkt der Premiere, der in der Ferienzeit und eine Woche nach „Independence Day“ lag. Lange dauerte es, bis Star Trek Fans im Frühjahr 2016 – keine 4 Wochen vor der Kinopremiere – einen zweiten Trailer zu sehen bekamen, der endlich so gestaltet war, dass man von einer stimmigen Atmosphäre sprechen konnte: Kurzdialoge, ruhige bis getragene Ausschnitte und Actionszenen. Letztlich kam so doch noch Vorfreude auf, obwohl Paramount durch die erste Jahreshälfte ins Star Trek Jubiläum stolperte, in der die Ankündigung einer neuen Star Trek Serie für Januar 2017 fast unterging, die nun auf Frühjahr 2017 verschoben wurde.

Außer den Trailern verfolge ich gewöhnlich bei den Star Wars oder Star Trek Filmen keine Vorberichte, geschweige denn verfolge ich die Vielzahl an Diskussionen oder Kontroversen in Foren oder auf Social Media. Ich verbinde damit den Vorteil möglichst offen in den Film zu gehen und diesen nicht im Vorfeld durch Spoiler zu „zerstören“. Bei „Star Trek: Beyond“ hat sich dies insoweit bewährt als ich lediglich mit dem problematischen Product Placement von Paramount gehadert habe. Doch als ich glücklicherweise noch wenige Stunden vor dem Urlaub die Preview von Star Trek: Beyond miterleben konnte, war es wieder da, was ich bei den Premieren von Star Wars und Star Trek Filmen immer erlebe, das Gänsehaut-Feeling. Dieses Gefühl blieb mir in den folgenden 2 Stunden erhalten. Dies lag vor allem an einem großartigen Film, den Regisseur Justin Lin sowie die Drehbuchautoren Simon Pegg und Doug Jung geschaffen haben. Seit 2011 haben sich die Macher von New Star Trek konsequent gesteigert und auf diesen Höhepunkt hingearbeitet. „Star Trek: Beyond“ ist im neuen Erzählkino meisterhaft inszeniert. Dies liegt für mich zunächst in einer äußerst stimmigen Erzählung, die im besten Sinne eine Star Trek Geschichte ist. Während sich in den letzten beiden Filmen die uns nur allzu gut bekannten Charaktere kennen gelernt haben und ihre ersten beiden Abenteuer erlebt haben, zeigt uns Beyond nun die Freundschaft, die zwischen Kirk, Spock und McCoy gewachsen ist.

Natürlich muss man festhalten, dass die drei jüngeren Kinofilme das Fandom gespalten haben. Dies liegt nicht nur am Reboot-Konzept, sondern vor allem auch an der neuen Zeitlinie, die geschaffen wurde und die mit der Zerstörung von Spocks Heimatplaneten Vulkan einen markanten Aufhänger erhielt. Alter Wein in neuen Schläuchen macht vielleicht den Kern der Kritik aus. Doch greift diese Kritik zu kurz, denn hier wird nicht nur neu inszeniert, was bereits einmal da war, sondern mit bekannten Figuren und Kontext Neues erzählt. Die erzählerische Richtung ist ebenso offen, wie die Geschichten selbst, die z.B. in „Star Trek: Beyond“ ausmacht. Die Kritik an der neuen Zeitlinie hatte bisweilen den zweifelhaften Anspruch, den heiligen Gral oder die Lehre Roddenberrys zu hüten, doch wirkt diese Haltung seltsam der Wirklichkeit entrückt.

Der Film holt uns zu Beginn in einer Art Identitätskrise von Kirk und Spock ab. Keiner der beiden Protagonisten will darüber mit dem anderen reden. Dann ist da die 5 Jahresmission, auf der sich die Enterprise befindet und neue Zivilisationen zu entdecken sucht. Dieser Weg führt die Enterprise zur Raumstation Yorktown. Diese optisch opulent dargestellte Raumstation bildet zunächst die erste Station der Enterprise. Das Eintreffen eines kleinen Raumschiffes und dessen Pilotin kommt einem Hilferuf gleich. Kirk begibt sich auf eine sicher geglaubte Rettungsmission und führt die Enterprise in den eigenen Untergang. Der Trailer verriet die Zerstörung durch die Flotte der kleinen Drohnen-Schiffe leider bereits und dennoch ist die Bedrohung effektvoll inszeniert. Wie ein Braten auf dem Seziertisch wird die Enterprise zerlegt und zerstört. Es ist kein scheinbar übermächtiges Schiff, welches die Enterprise erlegt und Kirk & Co besiegt, sondern ein Bienenschwarm an Ramm- und Enterschiffen, die jedwede Hoffnungen auf Entkommen im Keim ersticken. Die Mission für Kirk, Spock, McCoy und Scotty scheint klar, obwohl sie beim Absturz der Untertassensektion der Enterprise auf den Planeten Altamid getrennt wurden: Die Befreiung der Besatzung aus den Händen Kralls, die Zurückgewinnung des Artefakts und Teil einer antiken Waffe sowie den Sieg über Krall. Auf dem Weg dorthin erweist sich Jaylah als große Hilfe. Sie hat nicht nur in der Welt Kralls überlebt und sich gegenüber dessen Schergen verstecken können, sondern das gestrandete Schiff des früheren Sternenflottenhelden Captain Balthazar Edison – die U.S.S Franklin (NX-326) – die Jahre überdauern lassen.

Star Trek: Beyond hat nach dem Absturz der Untertassensektion der Enterprise viele kurzweilige Dialogszenen, eine Abfolge des Episodischen in der Erzählweise, welche sehr zu gefallen weiß. Dies liegt vor allem an der ausbalancierten Spannung, der Beziehung zwischen den Figuren und dem Dialogwitz, der gerade zwischen Spock und McCoy wunderbar lebendig und herzlich inszeniert wurde. Simon Pegg und Doug Jung hatten mit ihrem Drehbuch ein sehr glückliches Händchen für die Figuren, die Darsteller – allen voran Urban und Pegg – haben die Figuren schließlich großartig mit Leben erfüllt. Die Nähe von Captain, Führungscrew und Besatzung konnte auch der Bösewicht Krall in einer Szene nicht erschüttern: „Euer Zusammenhalt ist nicht eure Stärke, sondern eure Schwäche!“ Doch Krall unterschätzte Captain und Crew. Mit Unterstützung von Jaylah gewannen Kirk & Co. die Oberhand zurück. Zu Beginn des Films beeindruckte bereits den Zuschauer der Schauplatz des späteren Showdowns – die Raumstation Yorktown. Das Design wirkte auf mich atemberaubend, auch wenn spöttische Zungen im Film von einer „Schneekugel“ sprachen. So bekam der Zuschauer in Star Trek: Beyond aber nicht nur den Zweikampf von Kirk und Krall zu sehen, sondern ein Setting, welches bislang noch kein Star Trek Film bot. Hier ging der Film in der Tat dahin, wo noch keiner im Star Trek Universum zuvor war. Der Sieg gegenüber Krall gelang nicht nur Kirk, sondern einem Song: „Sabotage“ von den Beastie Boys. Nur die Star Trek Fans und Kinogänger mit einem Studium der Elektrotechnik werden sich wahrscheinlich fragen, warum der Song in einer technisch überlegenen Zukunft über Frequenzmodulation erfolgreich übertragen wurde, um den Schwarm der Alien-Drohnenschiffe zu zerstören. Mir war das egal, denn das Erklärungsangebot des Films und der coole Song reichten dem Nicht-Ingenieur in mir vollkommen aus.

Ich habe den Film im Kino nun dreimal gesehen. Insgesamt blieb mein Eindruck von diesem Film bestehen. In der Geschichte der Star Trek Filme war er sicherlich der beste Streifen unter den Abrams-Filmen. Man würde allen Filmen sicherlich nicht gerecht werden, wenn man die neuen Filme in ihrer Wirkung mit den alten Filmen vergleichen würde, denn alle Filme sind letztlich Zeugnisse ihrer Zeit und auch der Art, wie man Filme in diesen Zeiten gemacht hat. Dennoch kann ich schlussfolgern, dass er im Hinblick auf die Handlung, Erzählweise, Charaktere, Drehbuch und Spezialeffekte zu den besten Star Trek Filmen gehört. Beim zweiten und dritten Kinobesuch fielen mir nun Dinge auf, denen man vielleicht bei einem einmaligen Anschauen kaum Beachtung schenkt. So erging es mir bei einer Szene mit Scotty und Jaylah, die mir im Hinblick auf die deutsche Synchronisation merkwürdig anmutete. Scotty sprach Jaylah im englischen Original mit „My dear!“ an, was im Deutschen als „Süße!“ übersetzt wurde, im Sinne eines englischen „Sweety!“. Dies passt für mich nicht zu Scotty und ließ gerade diese Dialogszene, in der Scotty sie zu einer Mitwirkung an der Befreiungsaktion gewinnen wollte, seltsam verstellt erscheinen, obwohl die wenigen Worte durchaus angemessen waren, gerade als Kirk hinzutrat. Ich fragte mich hier, würde Scotty so sprechen? Aber vielleicht ist es auch der alte James Doohan-Scotty, den ich im Kopf habe, ein gestandener Schotte, prinzipientreu und technisches Genie mit exzellentem Zeitmanagement, der eine Frau vielleicht anders angesprochen hätte. Und vielleicht bin ich auch ein wenig Kind dieser Zeit, in der man eine Frau nicht mit „Süße“ oder „Baby“ angesprochen hat.

Kritik an einer anderen Szene erhielt der Film ausgerechnet durch George Takei. Takei kritisierte die Darstellung seines vormaligen Charakters Sulu. Dieser wurde nach der Ankunft auf der Raumstation Yorktown durch den Partner und die Tochter begrüsst. Takei hätte einen unveränderten Sulu bevorzugt und sich stattdessen einen neuen Charakter gewünscht, dessen homosexuelle Orientierung Star Trek hier einerseits geöffnet und letztlich ein reizvolleres künstlerisches Potenzial vermittelt hätte. Aus Fansicht kann ich George Takeis künstlerische Kritik am Drehbuch nachvollziehen, gleichwohl muss man Simon Pegg und Doug Jung zugute halten, dass die Szene in ihrer Wirkung sehr liebevoll war und wir sie gewissermaßen mit den Augen Kirks nachvollziehen. Pegg und Jung zeigen damit eine Vision Star Treks – im Sinne der Vision einer lebenswerte(re)n Zukunft der Menschheit – in der die Normalität gleichgeschlechtlicher Partnerschaften alltäglich ist und keine gesellschaftspolitische Debatten und Kontroversen mehr hervorruft. Dies wünsche ich mir und dass Figuren bei einer Neuinszenierung keine kreativen Grenzen unterliegen (sollten), wissen wir nicht erst seit „Battlestar Galactica“. Dies ist keine Frage des Respekts, sondern eine Frage künstlerischer Selbstbeschränkung. Was darf Filmkunst in Sachen Star Trek? Diese Frage mögen andere beantworten, aber diese Szene war in ihrem Ausdruck von Normalität und liebevoller Wahrnehmung von außen geprägt und in sich großartig. Daher teile ich Takeis Kritik nicht.

Dennoch: „Star Trek: Beyond“ wird an der Spaltung der Fankreise nichts ändern. Doch der Film hat aus meiner Sicht nicht nur einen größeren Teil der Fans erreicht, sondern seit 2011 auch neue Fans und Kinogänger gewonnen. Diese mögen in noch größerer Zahl nicht zum organisierten Fandom gehören, aber sie gehen gewiss in die Filme ins Kino. Es gibt immer noch viele Kinogänger, die Star Trek nicht mit der Kinoleinwand, sondern mit dem Fernsehen verbinden. In gewisser Weise liegt diese Sichtweise auf Star Trek retrospektiv betrachtet nicht falsch, denn wirken die TNG-Kinofilme in Optik und Produktion nicht vergleichsweise stark am Fernsehen orientiert? Die zeitgenössische Kritik an „Star Trek: Der Aufstand“ war jedenfalls von dieser Wahrnehmung geprägt. Ob der Film am Box Office, weltweit und nach Veröffentlichung von BluRay & Co. auch ein großer finanzieller Erfolg war, wird sich noch zeigen. Der Erfolg zeigt sich aber zunächst auch in der Ankündigung eines neuen 4. Filmes in der neuen Zeitrechnung bzw. Zählweise.

Als Spock am Ende des Filmes das Kästchen öffnet, in dem sich auch ein Bild der alten Enterprise Crew aus der Orioginalserie befindet, fängt der Film auf wunderbare Weise 50 Jahre Star Trek ein. Es war kein aufgesetzter Moment, sondern ein Tribut. Ein emotionales Erlebnis für Spock und den Zuschauer. Gerade die Emotionalisierung, die „Star Trek: Beyond“ gelingt, findet im Abspann ihren Abschluss. Der Film ist nicht nur Leonard Nimoy gewidmet, für den die neuen Filme immer zu Star Trek gehörten, sondern auch Anton Yelchin, der kurz vor der Kinopremiere durch einen tragischen Unfall ums Leben kam. Gewiss, Star Trek möchte uns – wie jeder andere Kinofilm – gut unterhalten. Nur allzu gerne schauen wir mitunter ein Stück weit etwas geringschätzig auf Filme, wenn wir sie in die Schublade „Popcorn-Kino“ packen. Ein Film will unterhalten und wenn ihm nur das gelingt, dann erhält er das Prädikat „Popcorn-Kino“. Letztlich erwarten wir als Fans aber immer mehr von einem Film, vor allem von einem Star Trek Film. Er soll packend, spannend und emotional berührend sein. Und das ist „Star Trek: Beyond“ aus meiner festen Überzeugung. Wir Fans wissen aus den vielen Filmen, TV-Folgen, literarischen Erzählungen, dem Expanded Universe und auch Fanfilmen, dass dies als Erklärung für den Erfolg, die Kritik und die 50jährige Historie des Fanchise nicht ausreicht, um zu erklären, warum wir uns dieses Universum so zu Herzen nehmen. Für mich hat es immer wieder damit zu tun, dass uns die Figuren und Geschichten emotional abholen. Immer wieder berühren. Ich hoffe, dass dies noch lange so bleibt und wir als Fans wieder großes Kino wie in „Star Trek: Beyond“ erleben können.